Auszüge aus der Facharbeit des Schülers Philipp Lösse

Städt. Gymnasium Sundern, Klasse 12

zum Thema

 

"Die Beckumer Ketten- und Kleineisenwarenfabrik

Josef Lenze & Söhne"

 

Eine Kettenschmiede des 20. Jahrhunderts

 

 

 

Teil I

Eine Kettenschmiede im 20. Jahrhundert

 

Bereits in der Antike wurden Ketten als Schmuck, zum Heben von Lasten, in Form von Kettenhemden als Schutz oder zum „anketten“ von Vieh oder Gefangenen eingesetzt. Das genaue Erfindungsdatum der Kette ist zwar nicht bekannt, jedoch konnte erst der Einsatz von Eisen die Kette zu ihrer vollen Wirkung bringen. Eine zweite bedeutende „Revolution“ erfuhr die Kette durch die Industrialisierung und Mechanisierung des 19. und 20. Jahrhunderts. Nun konnte sie erstmals maschinell hergestellt werden, was aufgrund der hohen Nachfrage für andere Maschinen auch dringend nötig war.

Neue Technologien machten Ketten durch Härten und Verzinken haltbarer und für die Industrie immer weniger verzichtbar. So schossen auch im Sauerland die Kettenschmieden wie Pilze aus dem Boden  (Im Raum Fröndenberg gab es um 1870 ca. 70 Kettenschmieden).

Viele davon waren Heimkettenschmieden, in denen Bauern nebenher als Kettenschmiede für Unternehmen tätig waren. Begünstigt wurde dieses Handwerk sowohl durch die heimischen Eisenhütten, die Rohstoffe lieferten, als auch durch den in genügender Zahl vorhandenen Brennstoff für die Schmiedefeuer in Form von Holz und Holzkohle.

Durch die landwirtschaftlich geprägte Region waren aufgrund der saisonalen Landarbeit auch genügend Arbeitskräfte vorhanden.

Vor der Automatisierung, die bei manchen Schmieden erst nach dem zweiten Weltkrieg einsetzte, war das Schmieden einer Kette mühevolle und schweißtreibende Knochenarbeit.

Jedes einzelne Kettenglied musste zunächst geschnitten, dann zum Glühen gebracht und am Amboss krumm geschlagen werden – selbstverständlich um das jeweils vorhergehende Glied. Dabei stand der Schmied mit einem Fuß auf dem Blasebalg, weil Strom entweder noch nicht verfügbar oder schlicht zu teuer war.

Gearbeitet wurde oft solange, wie man das Tageslicht ausnutzen konnte, das bedeutet im Sommer von 500 Uhr morgens bis 2000 Uhr abends, also rund 15 Stunden am Tag (abzüglich ca.2 Stunden Pause).

Die Tagesproduktion eines Schmiedes betrug etwa 30 Meter pro Tag.

Der Monatslohn lag zwischen 60 und 90 Reichsmark, für Verpflegung musste ebenfalls selbst gesorgt werden.


 

Teil II

Die Beckumer Kettenfabrik Josef Lenze u. Söhne

 

Die Anfänge der Firma

und der 1. Weltkrieg

 

 

Josef Lenze wurde am 3. Januar 1882 in Beckum als Sohn eines Landwirtes geboren. Im Jahr 1897, im Alter von 15 Jahren, ging er bei der Firma Wagner in Beckum in die Lehre als Kettenschmied.

 

 

Abbildung 1: Josef Lenze im Jahr 1896

Gleich nach Abschluss dieser Lehre gründete er am 27. Juni 1900 mit 18 Jahren die „Firma Josef Lenze, Ketten- und Kleineisenwarenfabrik, Beckum/Kreis Arnsberg“ und machte sich damit selbstständig. In einem Anbau am elterlichen Haus in Beckum begann er mit der Produktion von Kuhketten, Pferdezugketten und Kettengeschirren zunächst für den örtlichen landwirtschaftlichen Bedarf. Dabei war Beckum als Standort weniger aus wirtschaftlichen, als vielmehr aus praktischen Aspekten ausgewählt worden, jedoch war zu diesem Zeitpunkt bereits die Hönnetalbahn in Betrieb, deren nächster Bahnhof, Sanssouci, schnell erreichbar war. Arbeitskräfte standen in Beckum ausreichend zur Verfügung, die Ketten wurden sämtlich in mühevoller Handarbeit gefertigt.4

Draht für die Produktion bezog man per Bahn von den Firmen ..... Diesen Lieferanten blieb der Betrieb bis in die 90er Jahre treu.

Die Nachfrage nach den Ketten der Firma war jedoch so groß, dass bereits nach 2 Jahren der Betrieb in einem weiteren Anbau vergrößert werden musste.

 

 

 

Abbildung 2: Kettenherstellung um 1920 (?)

 

Vor dem 1. Weltkrieg beschäftigte Josef Lenze 20 Mitarbeiter aus dem Dorf und der Umgebung. Schon jetzt waren Verbindungen der Firma ins Ausland hergestellt. So wurde beispielsweise nach Indien, China und Japan exportiert.6

Während des 1. Weltkrieges fertigte das Unternehmen Kettengeschirre für das großteils noch auf Pferdegespanne angewiesene Deutsche Heer. Eine Verringerung der Beschäftigtenzahl fand trotz des Krieges nicht statt, vielmehr musste die Produktion noch gesteigert werden. Nun waren schon etwa 50 Arbeiter in der Fabrik beschäftigt, was sie in Beckum, das zu der Zeit noch keine nennenswerte Industrie vorzuweisen hatte, zum Hauptarbeitgeber machte. Zu Kriegsende hin begann man daher mit dem Bau einer neuen Fabrikanlage.

 

 

Weimarer Republik

und Drittes Reich

 

1919 wurde die neue Fabrikanlage schließlich fertig gestellt. Sie umfasste 4 Werkshallen sowie ein Lager nebst Bürogebäude. Jetzt konnte auch die Produktpalette des Betriebs erweitert werden; so waren nun auch Sicherheitstürketten sowie große Schiffsketten im Sortiment vertreten. Die Beschäftigtenzahl vergrößerte sich noch geringfügig und ein firmeneigener LKW konnte angeschafft  werden, um Produkte zum Bahnhof oder in der näheren Umgebung ansässigen Kunden zu transportieren.

Auch der Auslandshandel wurde ausgebaut, was durch zahlreiche Anfragen oder Rechnungen aus dem Ausland, darunter England, Frankreich, die USA und Kanada, aber auch Indien, Japan, Sri Lanka und China belegt wird. Diese Kontakte kamen großteils durch Anzeigen im Industrie- und Handelsmagazin „Übersee-Post“ zustande.7

Mit der Weltwirtschaftskrise in den späten 20er Jahren fand das Wachstum zunächst ein Ende, und sogar Stellen mussten abgebaut werden. Der Betrieb zählte nur noch ca. 20 Arbeiter und musste die Produktion drastisch einschränken.

Auch mit Hitlers Machtergreifung 1933 besserte sich die Lage nicht. Da Josef Lenze sich weigerte, in die NSDAP einzutreten, wurde die Firma regelrecht boykottiert. Sie bekam keine Maschinen und auch Aufträge wurden an Konkurrenzunternehmen vergeben. Die guten Auslandsbeziehungen der Firma brachen im 2. Weltkrieg ab.  So musste sich der Betrieb wieder darauf umstellen, den geringen örtlichen Bedarf an Ketten für die Landwirtschaft zu decken.8

 

 

Die Nachkriegszeit

 

Nach dem Krieg begann für die Firma ein wirtschaftlicher Aufschwung.1946 wurden die aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Söhne von Josef Lenze, Rudolf, Hubert und Josef jr. an der Firma beteiligt. Diese wurde unter dem heutigen Firmennamen „Beckumer Ketten- und Kleineisenwarenfabrik Josef Lenze & Söhne“ neu ins Handelsregister eingetragen.

Nun konnten auch erstmals Maschinen angeschafft werden, die die Produktion wesentlich vereinfachten. Anfangs waren dies zwei Schweißmaschinen, eine Biegemaschine und ein Kalibrierer, der eine gleiche Gliedlänge und Festigkeit der Kettenglieder gewährleistet.

Anschließend investierte die Firma in zwei weitere Schweißmaschinen und eine Biegemaschine sowie eine Kettendrehmaschine. Diese stammten von der ..., die ihre Produktion eingestellt hatte.

Gleich Ende der 50’er Jahre ergab sich die Möglichkeit, weitere Maschinen günstig von der Firma ..., die Konkurs gegangen war, zu kaufen: Sechs Schweißmaschinen, eine Kalibriermaschine, drei Biegemaschinen und fünf Pressen.

Da die alte Fabrik für den neuen umfangreichen Maschinenpark zu klein war, ließen die Unternehmer eine weitere Halle mit ca. 1000 m² und ein Drahtlager anbauen.

Im Jahr 1951 verstarb Josef Lenze sr. im Alter von 69 Jahren.

Neben seinen Verdiensten für die Firma zeichnete er sich auch durch Spenden aus, die den Bau der Beckumer Kirche finanzierten.

Den Betrieb übernahmen nun ganz seine Söhne, die sich die Aufgaben im Betrieb wie folgt aufteilten: Während Rudolf den Betrieb führte, kümmerte sich Hubert um die anfallende Büroarbeit. Josef war indessen als Fahrer unterwegs.

Einen erheblichen Anteil an der Kundschaft und damit an der Umsatzsteigerung stellten auch bundesweit Eisenwarenhändler wie z.B. ...

Durch die gute wirtschaftliche Lage konnten 8 weitere Arbeiter eingestellt werden.

 

 

Abbildung 3: Kettenschmiede Lenze im Jahr 1985

Der Aufschwung dauerte jedoch nur bis Ende der 60’er Jahre, danach blieb die Lage des Betriebs konstant bis in die 80’er Jahre. 1985 konnte auch eine Wendemaschine angeschafft werden, welche die Arbeit wiederum erleichterte: War vorher ein Arbeiter für je eine Maschine verantwortlich, konnte nun einer gleich vier Maschinen bedienen. Die so freigewordenen Arbeiter wurden an anderer Stelle im Betrieb beschäftigt.

Der Bedarf an Ketten aus Beckum wurde nun stets geringer, da Ware von minderer Qualität aus Asien und Osteuropa zu immer günstigeren Preisen erhältlich war.

Zunächst lag der Vorteil zwar aufgrund der sehr schlechten Qualität der Importketten und der langen Lieferzeiten bei den deutschen Herstellern, jedoch glichen sich diese Unterschiede im Gegensatz zum Preis nach und nach aus.

Zum Vergleich: Kostete eine deutsche verzinkte langgliedrige Kette vom Durchmesser 4mm etwa 1,25 DM pro Meter, so lag eine vergleichbare Importkette zwischen 0,50 und 0,60 DM, also weniger als die Hälfte des Preises für eigene Fertigung.

Deswegen wurden sie von immer mehr Kunden vorgezogen. Hierzu gehörten auch die Eisenwarenhändler, die einen recht großen Teil der Kundschaft ausgemacht hatten.

Für eine zunächst unerhebliche Erweiterung der Produktpalette sorgte Anfang der 60’er Jahre der Spielgerätehersteller ... der Hubert Lenze ausgerechnet im Urlaub den Anstoß zur Produktion von Ketten für Kletternetze und Schaukeln gab. Dieser Produktzweig sollte sich später als das Hauptstandbein der Kettenfabrik etablieren. Der Vorteil von Ketten auf diesem Gebiet: Sie sind stabiler als Seile und halten auch dem wachsenden Vandalismus auf den Spielplätzen stand.

 

 

Gegenwart und Zukunft

 

 

Ketten für Spielgeräte machen inzwischen den Hauptabsatz der Beckumer Kettenfabrik aus. Dabei werden außer den Ketten auch Schaukelsitze und anderes Zubehör für diesen Bereich vertrieben.

Heute verdient ein Arbeiter ca. ... brutto im Monat bei einer Arbeitszeit von 40 Stunden in der Woche. Die Tarife lehnen sich an den IG-Metall Tarif an, jedoch war die Firma zu keiner Zeit Mitglied im Arbeitgeberverband und auch die Arbeiter sind in keiner Gewerkschaft organisiert. Überstunden werden entweder ausgezahlt oder als Freizeitausgleich vergütet. ...

Seit den 90’er Jahren wird das Unternehmen nun in der dritten Generation von Burkhard, Christoph und Hubert Lenze jr. fortgeführt.

Die Zukunftsaussichten auf dem Markt stehen für die Beckumer Kettenfabrik gut. Auch heute liegen wichtige Handelspartner und Stammkunden im Ausland und das Unternehmen steht International für gute Qualität und Service am Kunden.